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Der Name Multatuli
Multatuli – wer ist denn das? Der Niederländer Eduard
Douwes Dekker benutzte diesen Namen als Schriftsteller. Er kommt
aus dem Lateinischen und bedeutet soviel wie: Ich habe vieles ertragen.
Dekker
wird am 2. März 1820 in Amsterdam als Sohn eines Kapitäns
geboren. Nach Kindheit und Jugend in der Hafen- und Handelsstadt
nimmt der Vater den Siebzehnjährigen
mit auf große Fahrt nach Ostindien (das heutige Indonesien). Dort macht
er dann bald Karriere in der Verwaltung des niederländischen Kolonialdienstes.
Empört über die unmenschlichen Verhältnisse in den Kolonien, quittiert
Douwes Dekker seinen Dienst und schreibt 1859 in Brüssel seinen bald weltberühmten
autobiographischen Roman Max Havelar.
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In diesem Werk kritisiert er die niederländische
Kolonialpolitik und die Mentalität seiner Landsleute sowie
ostindischer
Fürsten, die ausschließlich auf eigenen Profit und auf Ausbeutung
der Bevölkerung gerichtet ist. Er prangert die Missstände
in den ostindischen Kolonien, vor allem auf Java, an. Auch in seinen
anderen Werken, u.a. in den Ideen, zu denen Die Abenteuer des
kleinen Walter gehören sowie in zahlreichen Briefen, profiliert der
Autodiktat Dekker sich als progressiver Autor, der in allen reformbedürftigen
Bereichen für Änderungen eintritt: auf sozialem Gebiet,
in der Theologie, der Pädagogik, was die Stellung der Frau in
der Gesellschaft angeht und sogar schon in Sachen Umwelt.
In der Niederländischen Literatur gehört er deshalb
und insbesondere wegen seiner erfrischend-neuen Art zu schreiben
zu den großen Klassikern; er ist der international bedeutendste
niederländische Schriftsteller des 19. Jahrhunderts.
Nach rastlosen
Zeiten, sowohl beruflich als auch privat, in denen sich Multatuli
in den Niederlanden, Belgien und Deutschland (Köln, Koblenz, Kassel, Frankfurt,
Bad Homburg) aufhält, verbringt er seinen letzten Lebensabschnitt (1870 – 1887)
in Deutschland (mehr darüber im Multatuli-Frühstücksraum des Hotels).
Zunächst wohnt er kurze Zeit in Mainz und Gustavsburg, dann neun Jahre in
Wiesbaden, anschließend eineinhalb Jahre in Geisenheim und schließlich
von 1881 bis zu seinem Tode 1887, sechs Jahre, in Nieder-Ingelheim. |
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Multatuli, dessen finanzielle Lage niemals rosig war, hat viel
Glück, als ein Amsterdamer Freund ihm großzügig
Mittel zum Kauf und zur Instandsetzung eines großen Herrenhauses
in Nieder-Ingelheim zur Verfügung stellt. Es ist eine freistehende
Villa, auf einem Hügel gebaut, der auf der Steig heißt.
Das Anwesen liegt direkt auf einer Höhe an der Chaussee von
Mainz nach Ingelheim. Zusammen mit seiner zweiten, zwanzig Jahre
jüngeren Ehefrau Maria Hammnick-Schepel und seinem von deutschen
Eltern stammenden Adoptivsohn Wouter verbringt E. Douwes Dekker
seine letzten Lebensjahre in dem Haus, das heute das Hotel-Restaurant
beherbergt.
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In der abgelegenen Villa inmitten einer
schönen
Umgebung sucht Multatuli, ein schlanker Mann, blass, mit hellen
Seher-Augen, Ruhe
für seinen müden Geist und erschöpften Körper: Gott sei Dank, endlich ein Zuhause, worin ich zu sterben gedenke.
Das ist keine Melancholie, sondern eine Freude, denn `sterben` meint
hier: nie wieder umziehen! Multatuli ist begeistert von der
herrlichen Aussicht, die man von dort auf den (auf der anderen Seite
des Rheins
liegenden) Rheingau hat: Die Aussicht aus unserem Schlafzimmer
gleicht wirklich einem Fernblick wie auf dem Theater. Wir sehen in
der Ferne
links das Niederwald-Denkmal zu Rüdesheim und im Rhein den `Mauseturm
by Bingen` und rechts die Wiesbadener Platte. Das ist schon eine
ganze Länge, die wie ei Bogen vor uns liegt.
Auch auf die
historisch interessante Lage des Hauses und seiner Umgebung ist
er stolz. Er spricht von einem klassischen Gelände: Gerade
vor unserem Haus befindet sich ein kleines Wäldchen... . In
dem Wäldchen steht ein Monument aus der Zeit Napoleons I,
als Hessen französisch war. Der damalige Präfekt wollte
seinen Namen und den seines Kaisers verewigen. Der Weg, an dem
unser Haus
liegt (von Bingen nach Mainz), scheint zuerst von Karl dem Großen
angelegt worden zu sein und, so denk` ich, unter Napoleon ist er
restauriert worden. Die beiden Namen (Karl und Napoleon) werden
auf dem Monument miteinander verbunden. Auf unserem Besitz befindet
sich
ein sehr tiefer Brunnen (tief, weil wir so hoch wohnen), und der
soll auf Befehl von Karl dem Großen gegraben worden sein.
An der Stelle, wo wir wohnen, soll ein Wachturm gestanden haben,
in
Verbindung mit Karls Palast zu N. Ingelheim. Also ein klassisches
Gelände.
Die Einsamkeit und Abgelegenheit des Hauses ist nicht unproblematisch: Das
einzige `Aber` ist, dass das Haus so weit vom Dorf liegt (20
Minuten, ja vom Bahnhof gut eine halbe Stunde). Da Multatuli
sich keine Kutsche leisten kann und es in Ingelheim erst gar
keine, später nur eine schlechte gibt, werden die vielen
Besucher aus den Niederlanden, die mit dem Zug oder mit dem Schiff
anreisen, anfangs vom Hilfsburschen am Bahnhof abgeholt. Dieser
erledigt auch die Einkäufe und holt jeden Tag die Post mit
einem von Multatuli entworfenen Hundekarren ab. Landstreicher,
Bettler, Diebe und Zigeuner rufen manchmal den großen Hofhund
Witrok und den Polizeidiener auf den Plan. Wohl wegen der exponierten
Lage des Hauses macht sich ein Sturm hier besonders bemerkbar: Vorgestern
Abend war hier Sturm. Ich fürchtete, dass das Haus zusammenfalle... Das
verwilderte, schiefe Grundstück ums Haus wird von Frau Dekker
(Mimi) mit Hilfe des Burschen und |
des Hausmädchens zu einem Obst- und Gemüsegarten
(30 Obstbäume) umgestaltet.
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Auch Hühner und Ziegen werden gehalten.
Über Multatuli (Dek), der gerne in dem
neu angelegten Laubgang verweilt, berichtet seine Frau: Aber
jetzt haben wir an der Rückseite des Gartens , die 38 Meter
lang ist, Eisendraht ziehen lassen, an der Dek (Dekker) jetzt
die Traubenranken hochbindet. Er macht das so nett und so con
amore
(mit Liebe), dass es eine Freude ist, ihm zuzusehen. Unbekümmert
darum, ob die Sonne scheint oder ob es regnet, marschiert er
hin, mit `nem großen Gartenhut auf und einem Körbchen
mit Bindfaden, Messer und Schere um den Hals. So sieht er dann
ohne
Jacke, nur mit Hemd wie ein indischer Pflanzer aus. Essen und
Trinken wird da vergessen. Einmal nannte ich den Pfad Philosophen-Straße,
aber das wies er weit von sich. Er ist da Arbeiter, der die Traubenranken,
sein Material, lieb hat und bewundert, von Philosophieren will
er nichts wissen.
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Mit seiner Frau, einer ehemaligen Lehrerin, die
auch viel korrespondiert, ein Tagebuch führt und Übersetzungen
macht, kann Multatuli sich geistig auseinandersetzen. Seinem Adoptivsohn
Wouter (Wou) erteilen seine Frau und der Lehrer Büttner, aber
auch Multatuli selbst bis 1885 Hausunterricht. Als Freigeist will
er seinem Sohn den vom Staat auferlegten Religionsunterricht in
der Schule nicht zumuten. Zum Ausgleich werden sonntags oft Kinder
aus dem Dorf zum Essen eingeladen. Für Wouter und die `Obergässer
Buben` aus Ingelheim lässt Multatuli im Herbst die selbst
gebastelten farben- und formenreichen, indonesischen Drachen steigen.
Auch frönt er seiner alten Leidenschaft, dem Schachspiel.
Er führt bis zu seinem Tode eine rege Schachkorrespondenz.
Da er selber neue Spiele erfunden hat, führt der derzeitige
Ingelheimer Schachclub seinen Namen.
Abgesehen von den vielen Gästen aus den Niederlanden will
Multatuli bewusst zurückgezogen leben. Er hat nur mit wenigen
Dorfbewohnern Kontakt. Im Großen und Ganzen ist Multatuli
sehr labil. Seelisch leidet er darunter, dass er oft missverstanden
wurde und wird, dass seine humanitären Ideen nicht in die
Praxis umgesetzt werden, dass der Kontakt zu seinen zwei Kindern
aus erster
Ehe gestört ist.
Müde vom Kampf gegen Windmühlen, entwickelt er, der
so viel geschrieben hat, einen Widerwillen gegen das Schreiben.
Obwohl sie die Luft gut finden und das Haus hübsch, denken
die Dekkers seit 1885 daran, das Haus wegen zu hoher Kosten zu
verkaufen. Außerdem bedauert Frau Dekker, zu wenig Zeit für
Studium und Lektüre zu haben. Auch sähe sie es lieber,
dass Wouter in den Niederlanden aufwüchse.
Der Hausherr leidet immer stärker unter Atembeschwerden und
Asthma. Am 19. Februar 1887 verstirbt Multatuli in dem Haus, in
dem er ja von Anfang an sterben wollte. (Siehe Gedenktafel am Haus)
Sein Leichnam wird in Gotha eingeäschert. Frau Dekker versteigert
das Haus und kehrt mit Wouter in die Niederlande zurück. Dort
kümmert sie sich um die weitere Herausgabe seiner Werke sowie
seiner Korrespondenz.
Quelle: Internationale Multatuli Gesellschaft Ingelheim |
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